Wir begleiten die Produktentwicklung ab der ersten Idee

Wir begleiten die Produktentwicklung ab der ersten Idee
INTERVIEW MIT VOLKER BUDZINSKI VON GLATT INGENIEURTECHNIK
Glatt Ingenieurtechnik aus Weimar ist ein weltweit tätiger Anlagenbauer mit eigener Prozesstechnologie, dem Wirbelschichtverfahren. Volker Budzinski ist als Verkaufsleiter für die internationale Projektentwicklung in dem Bereich Process Technology Food, Feed & Fine Chemicals zuständig. Im Interview mit der Redaktion der Food Technologie beantwortete er einige Fragen rund um die Wirbelschichttechnologie.

» im Original veröffentlicht in ‚foodTECHNOLOGIE‘, Ausgabe 01/2017 S. 4-5 (Dr. Harnisch Verlagsgesellschaft mbH)

FT: HERR BUDZINSKI, DER WIRBELSCHICHT-PIONIER GLATT IST IM PHARMABEREICH SEIT JAHRZEHNTEN FÜR SEINE ANLAGENTECHNIK BEKANNT. WO LIEGEN DIE SCHWERPUNKTE VON GLATT  NGENIEURTECHNIK?

V. BUDZINSKI: Wir bei Glatt Ingenieurtechnik sind spezialisiert auf Produkte und Granulationsanlagen, die in der Lebensmittel- und Getränkeherstellung benötigt werden, außerdem in den Bereichen Tiernahrung, Chemie und  Feinchemie sowie Biotechnologie. Neben unserer eigenen Technologie besitzen wir die Engineering-Expertise, auch Turn-Key-Produktionen auf der grünen Wiese zu realisieren.

FT: DIESES KONZEPT IST ZURZEIT EINZIGARTIG AUF DEM MARKT. MIT WELCHEN FRAGESTELLUNGEN KOMMEN KUNDEN AUF SIE ZU?

V. BUDZINSKI: Unser Workflow beginnt im Prinzip immer in der Produktentwicklung, bei Ideen zur Verbesserung vorhandener Produkte. Die Wirbelschichttechnologie eignet sich für viele Problemstellungen, ob es sich um den Geschmack, die Optik, den Geruch, die Textur oder Tablettierbarkeit handelt. Das können Aromen oder Vitamine sein, die für die Weiterverarbeitung geschützt werden müssen, etwa für den Transportweg – nicht nur vom POS zum Kunden, sondern auch von der Einnahme bis zum Ort der Wirkstofffreisetzung im Körper. Zu diesem Zeitpunkt ist der Industriemaßstab noch völlig unklar.

FT: WORIN UNTERSCHEIDET SICH DIE WIRBELSCHICHTTECHNOLOGIE VON ANDEREN TROCKNUNGSVERFAHREN?

V. BUDZINSKI: Wir kommen ins Spiel, wenn es um Partikel-Design geht, also kleine Komponenten mit einer besseren Marge hergestellt werden sollen: die optimale Schichtdicke eines Coatings, die ideale Partikelgröße für staubfreies
Dosieren, die exakt definierte Löslichkeit eines Instant-Produkts. Der Unterschied liegt darin, dass Sie in der Wirbelschicht mehrere Verfahren – Sprühgranulation, Sprühagglomeration, Sprühcoating und Sprühverkapselung – effizient
durchführen können.

FT: WIE SIEHT DIE UNTERSTÜTZUNG BEI DER PRODUKT UND PROZESSENTWICKLUNG IN DER PRAXIS AUS?

V. BUDZINSKI: Für verlässliche Aussagen über eine Produktion bieten wir einwöchige Laborversuche in unserem Technologiezentrum in Weimar an, bei denen unsere Experten mit kundenseitigen Produktentwicklern  usammenarbeiten. Am ersten Tag wird die Laboranlage ProCell LabSystem vorbereitet, vom zweiten bis zum vierten Tag führen wir Versuche und Laborauswertungen durch, am fünften Tag besprechen wir die Ergebnisse und Sie gehen mit Proben des neuen Produkts nach Hause.

FT: PRODUKTENTWICKLER AUS ALLER WELT REISEN FÜR VERSUCHE NACH WEIMAR?

V. BUDZINSKI: Unsere umfangreichen Möglichkeiten hier in Weimar werden von Kunden weltweit geschätzt und auch genutzt. Manchmal ist das aber nicht so einfach. Das hängt auch davon ab, ob ein Rohmaterial in die EU eingeführt werden darf. Wenn ein Ingredients-Hersteller dann über entsprechendes Know-how verfügt, bietet sich auch die Ausleihe oder Anschaffung eines ProCell LabSystems an. Die Erfahrung zeigt, dass unsere Kunden bei Produktwechseln, Neu- und Weiterentwicklungen immer wieder nach Weimar kommen, sicher nicht zuletzt dank der persönlichen Betreuung. Bei Projektvorlaufzeiten von ein bis zwei Jahren sind wiederholte Versuche bei uns im Haus keine Seltenheit. Mitunter ist ein Zwischenschritt über eine Pilotanlage erforderlich, etwa beim Scale-up auf sehr große Kapazitäten oder wenn größere Mengen Produktmuster für Markttests geplant sind.

FT: SIE SAGEN, VERSUCHE WERDEN ERGEBNISOFFEN DURCHGEFÜHRT, MÜNDEN ALSO NICHT AUTOMATISCH IN EINEM ANLAGENAUFTRAG. WENN JA, WIE SEHEN DIE ABLÄUFE AUS?

V. BUDZINSKI: Der nächste Schritt ist das Konzept-Design, das einen Überblick über die Rahmenbedingungen, Investitionskosten, Betriebskosten und Nebenkosten sowie Richtpreisangaben liefern kann. Parallel finden  Besprechungstermine am künftigen Produktionsstandort statt. Nach Abschluss des Basic Engineering unterbreiten wir ein Festpreisangebot. Auf die Auftragsannahme folgen die Detailplanung mit allen Spezifikationen und die Ausführungsplanung. Wir qualifizieren Lieferanten, prüfen Angebote, erteilen Aufträge, kümmern uns um den Transport, begleiten den Aufbau und die Inbetriebnahme.

FT: IN WELCHER WÄHRUNG WERDEN VERTRÄGE ABGESCHLOSSEN?

V. BUDZINSKI: Wir schließen Verträge in Leitwährungen ab, in der Regel in Euro, in den USA in US-Dollar über unsere Schwesterfirma Glatt Air Techniques. Daran gekoppelt ist ein Zahlungsplan in Verbindung mit einem Zeit-Ablauf-Plan. Generell geschätzt wird unsere Erfahrung in internationalen Projekten, dass wir wissen, wie Geschäfte abzusichern sind und Ähnliches.

FT: WIE LANGE DAUERT DIE FERTIGUNG EINES WIRBELSCHICHTAPPARATES?

V. BUDZINSKI: Die Produktion der Granulatoren, jeder ist ein Einzelstück, dauert fünf bis acht Monate und wird von Lohnherstellern durchgeführt, mit denen wir seit vielen Jahren eng zusammenarbeiten. Für uns ist die Fertigung der wichtigste Teil, weshalb wir regelmäßig Qualitätskontrollen durchführen.

FT: WELCHE MEILENSTEINE KENNZEICHNEN DIE ERRICHTUNG EINER ANLAGE?

V. BUDZINSKI: Bevor eine Anlage übergeben wird, prüfen wir sie auf Herz und Nieren. Nach unserem Factory Acceptance Test zu den Randbedingungen geht die Verantwortung auf den Kunden über, der die Installation oft selbst übernimmt. Wir stellen die Supervision, überwachen den Zusammenbau, prüfen die Positionierung und führen Zwischenabnahmen durch. Die Übergabe mit dem Kunden zusammen stellt der Site Acceptance Test dar. Die Einfahrphase übernehmen wir ebenfalls. Falls Garantieparameter vereinbart wurden, zeigen wir dem Kunden diese vor Ort mit seiner Anlage während eines Performance Tests und lassen sie uns abnehmen.

FT: WIE STELLEN SIE DIE EINHALTUNG LÄNDERSPEZIFISCHER REGULARIEN SICHER?

V. BUDZINSKI: Dank unserer internationalen Aufstellung können wir entsprechende Bewertungen mit unseren eigenen Fachleuten durchführen. Das gilt für unsere amerikanischen Kollegen, die sich täglich mit FDA-Richtlinien und GMP auseinandersetzen genauso wie für unser indisches Team von über 400 Mitarbeitern, das sich im asiatischen Raum bestens auskennt. In Europa kümmern wir uns unter anderem von Weimar aus um Themen wie EHEDG, Risiko-Analysen und Explosionsschutz. Und am Standort in Dresden haben wir unsere Kapazitäten für klassische weiße Biotechnologie enorm erweitert. Wichtig ist den Kunden der hohe Glatt-Standard, dass also der Kern
unserer Prozesstechnologie deutschen Ursprungs ist. Ansonsten gilt auch für uns: Produkte für den amerikanischen Markt müssen in Amerika gekauft werden. Die Zulieferer gewährleisten, dass Anforderungen und Richtlinien eingehalten werden.

FT: ANFANGS ERWÄHNTEN SIE DEN SCHLÜSSELFERTIGEN FABRIKBAU …

V. BUDZINSKI: Wir liefern alles mit, was prozessrelevant ist, auch Konzepte für das Materialhandling, die Sanitisierung, Hauptrohrleitungen, Elektrik. Wir konstruieren auch Prozesse zur Fermentation, zur Flüssigkeitsaufbereitung bis hin zur Packstation. Leistungsgrenze sind Gebäude, für die wir aber Konstruktionspläne erstellen und auf Wunsch den Bau betreuen – weltweit. In der Wahl der Technologie sind wir dabei übrigens völlig frei. Wir haben schlüsselfertige BiotechProduktionsstätten realisiert, die komplett mit Lizenztechnologie ausgestattet sind.

FT: APROPOS MATERIALHANDLING, WELCHE ROLLE SPIELEN NACHHALTIGKEITSTHEMEN AUS KUNDENSICHT?

V. BUDZINSKI: Der ressourcenschonende Umgang mit Energie und Rohstoffen ist Teil unseres Anlagenkonzeptes, am Ende aber eine Kundenentscheidung. Eine Energierückgewinnung ist leicht realisierbar und bringt deutliche  insparungen. Das wird in Europa gern angenommen, weniger in Ländern, in denen die Energie quasi umsonst genutzt werden kann.

FT: ABSCHLIESSEND – WIE WÜRDEN SIE DAS ERFOLGSGEHEIMNIS VON GLATT ZUSAMMENFASSEN?

V. BUDZINSKI: Dass wir den Weg von Beginn bis zum Ende gemeinsam mit unseren Kunden gehen. Wir holen ihn bei der Idee ab und entwickeln gemeinsam mit ihm sein Produkt und den Prozess dafür, damit er am Markt erfolgreich wird. In diesem Weg sind wir einzigartig. Wir haben die Experten, die Technologiekompetenz und die Strukturen – das ist der Vorteil, wenn ein Kunde mit Glatt Ingenieurtechnik in Weimar zusammenarbeitet.

FT: VIELEN DANK FÜR DAS GESPRÄCH